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Wahl 2017: Ärztemangel auf dem Land

So manche Hausarztpraxis wird in den kommenden Jahren wohl schließen müssen. Das gefährdet auch die Apotheken. Welche Gründe dahinter stecken und wie die Politik diesen Trend stoppen will
von Dr. Achim G. Schneider, 17.07.2017

In ländlichen Regionen geben viele Apotheker und niedergelassenen Ärzte auf

W&B/Nina Schneider

Etwa jeder Dritte der insgesamt 54 000 Hausärzte in Deutschland ist älter als 60 Jahre, wird also bald in den Ruhestand treten. Ein Nachfolger findet sich längst nicht immer. Ende 2016 gab es bundesweit 2727 unbesetzte Praxen, berichtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und prognostiziert gleich einen weiteren Schwund um rund 10 000 Hausärzte bis zum Jahr 2030 – und das bei einer immer älter werdenden Bevölkerung. "Einem höheren Bedarf an hausärztlicher Versorgung steht eine anrollende Ruhestandswelle gegenüber", warnte die KBV bereits im vergangenen April.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben einen etwas anderen Blick auf die aktuelle Lage. Auch ihnen ist die Gefahr eines ärztlichen Nachwuchsmangels bewusst – gleichzeitig wird jedoch betont, dass die Anzahl der Haus- und Fachärzte noch deutlich über dem ermittelten Bedarf liege. Probleme würden sich derzeit vor allem ergeben, weil sich die Praxen regional sehr ungleich verteilen. Während Patienten in Ballungsgebieten eher überversorgt seien, gelte für viele Bewohner ländlicher Regionen das Gegenteil.


Bisherige Maßnahmen zur Stärkung des ambulanten Bereichs

Um die Versorgung auch fernab großer Städte zu sichern, hat die Politik in letzter Zeit verschiedene Maßnahmen beschlossen. Der durchschlagende Erfolg blieb bisher allerdings aus. Die Trendwende soll nun eine Reform des Medizinstudiums bringen, auf die sich die verantwortlichen Ministerien des Bundes und der Länder im April einigten – nach jahrelangen Beratungen und Debatten. So wird künftig jede Medizinische Hochschule einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin einrichten und alle Studenten in dem Fach prüfen.

Hinzu kommen Veränderungen beim Praktischen Jahr, das angehende Ärzte für ihre spätere Tätigkeit qualifiziert. Statt bislang drei soll es künftig vier Wahlmöglichkeiten geben, mindestens eine Einheit muss in einer fach- oder allgemeinärztlichen Ausbildungspraxis absolviert werden. Experten hoffen, dass auf diese Weise der gesamte ambulante Bereich gestärkt wird.

Kaum neue Medizinstudienplätze

Allerdings konnten sich die Politiker nicht dazu durchringen, mehr Medizinstudienplätze einzuplanen. Ein früherer Entwurf der Reform hatte noch vorgesehen, die Anzahl von aktuell knapp 10.000 um zehn Prozent aufzustocken. Eine vertane Chance, finden alle im Bundestag vertretenen Parteien sowie die Bundes-FDP. "Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass die Finanzminister der Länder nicht bereit sind, dafür mehr Geld auszugeben", sagt Maria Michalk, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Allerdings muss der Bund auch nicht die hohen Kosten tragen – nämlich rund 200.000 Euro pro Studienplatz.

Immerhin: Die Universität in Augsburg gründete vor wenigen Monaten eine medizinische Fakultät. Ab 2019 stehen dort 250 neue Studienplätze zur Verfügung. Als bislang einziges Bundesland hat Bayern zudem beschlossen, die sogenannte Landarztquote einzuführen – eine weitere Neuerung der Reform des Medizinstudiums, um die bis zuletzt gerungen wurde. Damit kann jedes Bundesland bis zu zehn Prozent seiner Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben, die sich vorab dazu verpflichten, später auf dem Land zu praktizieren.


Umstrittene Landarztquote

"Es ist schade, dass die Entscheidung dafür so holprig war. Doch jetzt liegt es an den Bundesländern, sie umzusetzen", sagt Michalk. Auch ihre Amtskollegin Hilde Mattheis von der SPD befürwortet die Regelung. "Das Maßnahmen­paket wird abgerundet durch die Möglichkeit einer Landarztquote in der Verantwortung der Länder."

Doch nicht alle Parteien finden die Quote gut. "Ob sie verfassungsrechtlich in Ordnung ist und in der Praxis funk­tioniert, wird man sehen. Ich halte es eher für den richtigen Weg, Anreize dafür zu schaffen, eine Praxis im länd­lichen Raum zu übernehmen", sagt etwa Maria Klein-Schmeink, gesundheits­­politische Sprecherin der Grünen.

Ihre FDP-Kollegin, Dr. Marie-Agnes Strack- Zimmermann, hält es für falsch, einem 19-Jährigen zu sagen, er bekomme nur einen Studienplatz, wenn er sich später an einem bestimmten Ort niederlässt. Das würde die Entscheidungsfreiheit und die freie Wahl des Studiums massiv einschränken. "Man kann Absolventen nicht zwingen, aufs Land zu ziehen, sondern muss attraktive Anreize schaffen, um eine ausreichende medizinische Versorgung in der Fläche gewährleisten zu können. Dazu fordern wir, die strenge Budgetierung im Gesundheitswesen abzuschaffen."

Sorgen Privatpatienten für die ungleiche Arztverteilung?

Die Linkspartei sieht den Knackpunkt vor allem im zweigliedrigen Kassensystem. "Ärzte lassen sich dort nieder, wo viele gut verdienende Privatversicherte leben. Dort rentiert sich eine Praxis einfach mehr als in einem stark bevölkerten, aber prekären Stadtteil oder in einer ländlichen Region mit vielen ärmeren Alten", so Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Linken.


Wegen solcher Fehlanreize klaffe zudem die Facharzt-Dichte regional auseinander, ergänzt Klein-Schmeink von den Grünen. "Auch da sieht der länd­liche Raum ausgesprochen schwach aus. Deshalb ist ganz klar: Solange wir nicht ein gemeinsames Honorarsystem für erbrachte Leistungen haben, werden wir dieses Problem nicht lösen können." Grüne, Linke und auch die SPD fordern die Umstellung auf ein einheitliches solidarisches System, die Bürgerversicherung.

Die beiden Unionsparteien und die FDP hingegen wollen am Neben­einander von privater und gesetzlicher Versicherung nicht rütteln. Um gesetzlich Versicherten den Zugang zu Fachärzten zu erleichtern, hat die Große Koalition die sogenannten Terminservicestellen eingeführt. Seit Januar 2016 vermitteln diese jeden Patienten mit einer entsprechenden Überweisung binnen vier Wochen an einen niedergelassenen Spezialisten. Und falls das nicht klappt, innerhalb einer Woche an eine Klinik. Allerdings dürfen die Betroffenen ihren Arzt nicht frei wählen und müssen Anfahrten von bis zu einer Stunde in Kauf nehmen.

Erst gehen die Ärzte, dann die Apotheken

Unterversorgung droht Landbewohnern zusätzlich von anderer Seite. "Wenn Haus-, Kinder- und Augenarzt aus einer Region weggehen, dann hat es dort auch eine Apotheke schwer. Doch die flächendeckende Versorgung mit all der Beratung und dem Service wollen wir dringend erhalten", sagt Maria Michalk (CDU) – und weist auf Maßnahmen hin, die die Große Koali­tion dafür bereits ergriffen hat. Etwa die bessere Vergütung für Nacht- und Notdienste sowie für die Herstellung von Salben und anderen Medikamenten durch Apotheker.

Uneinig sind die Regierenden aber darin, wie sie auf ein Urteil des Eu­ro­­päischen Gerichtshofs vom Herbst 2016 reagieren sollen. Es besagt, dass die deutsche Regelung, rezeptpflichtige Medikamente bundesweit zu einem einheitlichen Preis zu verkaufen, für ausländische Anbieter nicht gilt. Seither dürfen diese Händler Arzneien mit Rabatten verkaufen – heimische Apotheken jedoch nicht.


Konkurrenz durch Versandapotheken

Eine Schieflage, die Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit einem Versandverbot für rezeptpflichtige Medikamente stoppen wollte. Doch die SPD machte nicht mit. "Gerade für chronisch kranke Menschen in strukturschwachen Gebieten mit wenigen Apotheken wäre es unzumutbar, diesen ein­fachen Weg der Arzneimittelversorgung abzuschneiden", sagte etwa SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach. Seine Fraktion schlug vor, Rabatte gesetzlich zu minimieren, um wieder einen fairen Wettbewerb herzustellen.

Für katastrophal hält die Grüne Klein-Schmeink die aktuelle Situa­tion. "Wir haben jetzt einen regulierungslosen Zustand und stärken damit das Geschäft der ausländischen Versandapotheken." Der Streit um die beste Lösung hat sich zum Wahlkampfthema gemausert.


Zahl der Apotheken vor Ort sinkt

Während Union und Linke auf dem Versandverbot bestehen, sind SPD, Grüne und FDP dagegen. "Mit dem Verbot will sich Herr Gröhe Luft verschaffen. Doch man wird den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten auf Dauer nicht verhindern können", sagt Strack-Zimmermann (FDP). Den Kontakt zwischen Apothekern und Patienten und die damit verbundene Beratung hält sie für ein hohes Gut.

Dieses Gut ist allerdings gefährdet. Die Zahl der Apotheken ist seit 2008 um rund 7,5 Prozent gesunken. Anfang 2017 gab es erstmals seit 27 Jahren weniger als 20 000 Apotheken.




Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

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